Geschichten-Galerie

Bilder, Menschen und ihre Biographien, Verortungen, Perspektiven und Wünsche sind das Thema dieses Projektes.
Die Geschichten-Galerie ist ein nicht ganz gewöhnlicher Stand auf den Wochenmärkten in Brandenburg. Er lädt dazu ein, innezuhalten, Bilder anzuschauen und ins Gespräch zu kommen.
Teil des Projektes können alle werden, die sich angesprochen fühlen, eigene Geschichten zu erzählen.
Der Fokus ist das Nachspüren der Erlebnisse von Menschen aus ländlichen Regionen Brandenburgs in den letzten 30 Jahren, die von früher und heute erzählen – von Verlorenem und Gebliebenem, in der Familie, Arbeitsbiographie und im gesellschaftlichem Leben, aber auch von Wünschen, Sehnsüchten und Befürchtungen mit Blick auf das Kommende.
Als Fotograph und Künstler widmet sich Hassan J. Richter verfallenen und verfallenden Orten und hält so Geschichte fest. Die Orte auf den Bildern erzählen in ihrem Verfall von Menschen, die einstmals diese Plätze mit Leben erfüllten.
https://hassan-fotografie.de/produkt-kategorie/industrieanlagen/

Die entstandene Bilder-Galerie reiht sich in den Markt-Alltag ostdeutscher Kleinstädte ein – und lädt zum Verweilen und Erzählen ein. Wer Protagonist der Geschichten-Galerie werden möchte, ist eingeladen zu einer Audio-Aufnahme. Entstehendes Produkt ist jeweils ein Foto- und ein Audio-Porträt der teilnehmenden Personen, welche per web-Auftritt gesammelt werden. Durch die Kommentarfunktion entsteht die Möglichkeit des Dialogs über den Marktplatz hinaus. Themen, die im offenen Dialog angeschnitten, und in der Interview-Situation verdichtet, nachgefragt und reflektiert werden, können sein:

Berufsbiographien/Schullaufbahnen in der DDR
Wertschöpfung in unterschiedlichen gesellschaftlichen Systemen
gesellschaftlicher Blick aufs Heute unter dem Eindruck erlebter Brüche, Entbehrungen, Enttäuschungen
der Wert des Vergangenen
Lebensperspektiven in Regionen, die durch Umbrüche gezeichnet sind
Statements/Befindlichkeiten zu gemeinschaftlichen/gesellschaftlichen Werten (Freiheit, Gerechtigkeit, Chancengleichheit, Identität …)

Die entstehenden Schilderungen werden im im gesteuerten Dialog reflektiert und eingeordnet. Damit entstehen authentische, individuell nachvollziehbare Aussagen, die Wichtiges sagbar machen.
In den entstehenden Podcasts kommen persönliche Botschaften. Dennoch wird darauf geachtet, dass Grundsätze demokratischen Miteinanders nicht in Frage gestellt und Menschen und marginalisierte Gruppen nicht diskriminiert werden.

Günter Thonke & Herr Aquilewa
Rathenow / Brandenburg / 08.08.2020
Einwohnerzahl 1989: 30.935
Einwohnerzahl 2019: 24.208

Von 1945 bis 1988 arbeitete Herr Thonke  als Bäcker in seiner Bäckerei, die heute einer seiner Söhne weiterführt. Herr Aquilewa arbeitete in der Handwerkskammer in Rathenow.

Wesentlich im Leben ist immer Mensch zu bleiben. Wenn man meint man, kommt mit der Zeit nicht zurecht, immer erst in den Spiegel gucken. Das ganze Leben ist doch ein Schauspiel. „Du hast ja recht, aber …“ Diese Worte geistert heute noch: „Wir haben zwar recht, aber …“ Wenn der Rand zur Mitte wird, dann ist er genauso dumm dran wie die anderen vorher.

Torsten Krüger
Rathenow / Brandenburg / 08.08.2020
Einwohnerzahl 1989: 30.935
Einwohnerzahl 2019: 24.208

Ich habe im Premnitz im Chemiefaserwerk als Glasbläser im Gebäude 021 gearbeitet. 7000 Leute waren hier beschäftigt. Mit der ersten Betriebsbesetzung 1992 wurde die „Märkische Faser Ag“ erst einmal gerettet. Premnitz hatte einen internationalen Ruf, auch deshalb war es nicht so einfach mit einem Mal alles dichtzumachen.
Nach der Besetzung wurde das Werk in mehrere kleine Betriebsteile aufgesplittet. Als Erstes wurde der Betriebsteil mit der Acrylfaserproduktionsanlage dicht gemacht. Die war so groß dimensioniert und auch die modernste in Europa, das sie eine zu große Konkurrenz für BASF und Bayer darstellte.
In der Jahren 1995/96/97 fing eine Entmischung an. Alle die einen guten Beruf hatten oder einen Job woanders, sind hier weggezogen. Übrig blieben diejenigen die es nicht weit bis zur Rente hatten, oder diejenigen, die einfach keinen Job finden konnten.
Den Investoren, die hier wirklich was machen wollten, wurden vom Land Brandenburg Anfang der 2000er Knüppel in den Weg gelegt.
Bis dahin hatten alle anderen Neueigentümer nur die Fördermittel einkassiert und sind wieder verschwunden.

Uwe Hoffman
Rathenow / Brandenburg / 08.08.2020
Einwohnerzahl 1989: 30.935
Einwohnerzahl 2019: 24.208

Geboren bin ich 1968 in Pirna. Seit Anfang der 90 Jahre wohne ich in Rathenow. Nach der Wende stellte das Land keine Lehrer mehr ein. Ich hatte also keine Möglichkeit nach Abschluss meines Studiums zu arbeiten. Deshalb bin ich freier Journalist geworden, und schreibe für ein Wochenblatt aus der Region für die Region.
Es gab hier in Rathenow seit der Bundesgartenschau einen kleinen Aufschwung, was Wasser und Radtourismus angeht.
Viele hier erkennen durchaus an, das sich optisch und infrastrukturell einiges geändert hat. Aber auch viele Leute hier begleitet Ihr Schicksal aus Anfang der 1990er Jahre immer noch. Für sie ist der Umbruch noch nicht mal richtig abgeschlossen. Neu zugezogene  sehen Ihre Stadt positiver als Alteingesessene.

Monika & Wolfgang Bazyli
Eisenhüttenstadt-Fürstenberg / Brandenburg / 03.09.2020
Einwohnerzahl 1988: 53.048
Einwohnerzahl 2019: 23.878

In Eisenhüttenstadt bin ich als „Eisali“ bekannt. Ich hab Fotografin gelernt. Kinder, Hochzeiten und Landschaften habe ich am liebsten fotografiert. 1966 ist meine Schwester in den Westen abgehauen. Dann hab ich wieder im Eisladen meiner Eltern gearbeitet. Nach der Wende haben wir hier Autos verkauft. Wir haben gleich gute Autos verkauft und die Leute nicht beschummelt. Heute sind die anderen Autohändler alle weg.

Bernd
Eisenhüttenstadt / Brandenburg / 03.09.2020
Einwohnerzahl 1988: 53.048
Einwohnerzahl 2019: 23.878

Ich bin 57 Jahre und seit 1968 in Eisenhüttenstadt, Seit 1993 wohnen wir auf dem Dorf nebenan.
Eine Ausbildung habe ich hier im EKO (Stahlwerk) als Bautischler gemacht.
Nach der Wende bin ich in den Betriebsrat gekommen. Dann wurde alles auf gestückelt / ausgelagert. Von der Produktivität her konnte es ja nicht so weiter gehen. Aber deswegen war die DDR ja nicht schlecht.
Heute organisiere ich Wochen und Trödelmärkte hier in der Region.
Wie was weiter geht im Moment, das wissen wir nicht.

Claudi & Otto
Forst / Brandenburg / 25.08.2020
Einwohnerzahl 1988: 26.676
Einwohnerzahl 2019: 17.902

Mit ungefähr 3.000 Arbeitern in der Textilbranche war Forst in der DDR ein wichtiger Textilstandort. Heute gibt es keine einzige Textilfabrik mehr. Ich (Claudi, 38 Jahre alt) habe in Cottbus Frisörin gelernt. Ich (Otto 34 Jahre alt) habe Koch gelernt. Wir waren die Stadt der 100 Türme.
Als ich hier 2001 in Forst ankam, gab es von Donnerstag bis Samstag Veranstaltungen. Da sind Ska, Punk, Hardcorebands und auch Schülerbands hier aufgetreten. Ab dem Jahr 2005 ist alles eingeschlafen. Heute sitzen wir am Mühlgaben rum. Ist egal welche Temperatur.
Meine Oma hat hier noch bis 1994 / 95 in der Tuchfabrik als Spinnerin gearbeitet.

Hannes, Halka & Elke
Guben / Brandenburg / 26.08.2020
Einwohnerzahl 1990: 32.690
Einwohnerzahl 2019: 16.783

Elke und Hannes haben in Potsdam gewohnt, bevor sie mit einigen Leuten nach Guben gezogen sind. Wir wollten raus aus Potsdam, und hatten verschieden Regionen im Auge. Wir wollten in eine Kleinstadt ziehen, die ein Problem mit Nazis hat, um denen etwas entgegen zu setzen. Es geht viel um gegenseitige Hilfe hier. Das läuft zum großen Teil ohne Orga. Es ist nicht so akademisch wie in Potsdam.

Sébastien, Milena & François
Wünsdorf / Brandenburg / 2019
Einwohnerzahl 2005: 6202

Wünsdorf ist ein Ort der Sinnbildlich  für verlassene Orte / Lost Places im Osten Deutschlands steht. Bis ins Jahr 1994 diente dieser Ort als Hauptquartier der sowjetischen Streitkräfte. Nach dem Rückzug gab es viele Ideen und Versuche aus dem Ort etwas Neues zu machen. Die Stadt des Buches war eine von vielen. Mit dem Zusammenbruch der Wirtschaft blieben das Träume. Heute erlangt die kleine Stadt durch Ihre Nähe und der guten Anbindung an Berlin als „Schlafstadt“ an Bedeutung.
Sébastien, Milena und François drehten dort einen Teil einer Dokumentation über Lebensentwürfe in Berlin „Cités du Monde, Berlin“.
https://www.deepexplorer.com/cit_s_du_monde_berlin

Herr Reinhardt
Forst / Brandenburg / 25.08.2020
Einwohnerzahl 1988: 26.676
Einwohnerzahl 2019: 17.902

Ich habe Betonbaufacharbeiter in der DDR gelernt. Wir haben Fundamente für öffentliche Gebäude wie Kaufhallen oder Kultureinrichtungen gebaut.
Wer damals mit dem eigenen Auto zur Arbeit gefahren ist war dumm. Es gab überall hin öffentliche Verkehrsmittel, oder dein Betrieb hat dich auf die Baustelle gefahren.
Anfang der 1990er Jahre wurde ich arbeitslos. 1996 bin ich in die Stadt nach Forst gezogen. Im den folgenden Wintermonaten bin ich bis zu 5 mal täglich mit dem Fahrrad und einem Anhänger in den Wald gefahren, um Holz zum heizen zu holen.

Hans Peter I
Wittstock / Brandenburg / 2014
Einwohnerzahl 1989: 14 408
Einwohnerzahl 2019: 14 131

„Ich lies hier in den 70er Jahren die größte Wasserfontäne der DDR bauen. Ich hatte Beziehungen in das Pumpenwerk in Leipzig. Die Fontäne war höher als die auf dem Alexanderplatz in Berlin. Darauf hin gab es Schwierigkeiten mit den Genossen aus Berlin.“
In der Fabrik im Hintergrund, wurde bis Anfang der 90er Jahre unter anderem Küchenmöbel für das Versandhaus „Quelle“ produziert.

Herr Voigt und Freunde
Zeitz / Sachsen Anhalt / 2014
Einwohnerzahl 1984: 43.454
Einwohnerzahl 2018: 28.381

Herr Voigt und seine Freunde leben zusammen in einem Altersheim. Sie haben sich dort als Familie neu gefunden. Ihre Kinder leben verstreut überall auf der Welt.
Mit der Wiedervereinigung und der Währungsunion 1990 war die Industrie in der DDR nicht mehr wirtschaftsfähig und wurde komplett abgebaut.
Damit verlor jeder seinen Arbeitsplatz. Alle mussten sich neu orientieren. Viele verließen Ihre Heimat auf der Suche nach Arbeit.
Die damals 50-Jährigen gingen in „Kurzarbeit“ und „Frühverrentung“.

Frank und Theila
Saalow / Brandenburg / 2017
Einwohneranzahl 1971: 1483
Einwohneranzahl 2015: 669

Frank läuft jeden Tag mit seinem Hund Theila über ein leerstehendes Gelände, welches früher als Altersheim genutzt wurde. Seine Mutter arbeitete dort. Er selber hat in Ludwigsfelde im W 50 Werk gearbeitet.
„Vor der Wende ging‘s mir gut. Wenn Du heute kein Geld hast, bist Du erschossen. Was früher alles hier los war …“

Herr Naumann
Wünsdorf / Brandenburg / 2018
Einwohnerzahl 2005: 6202

Wünsdorf wächst durch seine Nähe zu Berlin seit 2015.
„Anfang der 90er bin ich von Zossen hier her gezogen. Wir bewachen das ehemalige Hauptquartier der sowjetischen Streitkräfte. Ich bin der letzte aus der alten Truppe. Eigentlich bin ich schon in Rente, aber ich mache so lange weiter, bis das Objekt verkauft ist.“

Anabel
Lille / Frankreich / 2017
Einwohnerzahl 1990:172.142
Einwohnerzahl 2017:232.787

„Manchmal hole ich mit meinen Freunden Metall aus den leerstehenden Gebäuden, wenn wir Geld brauchen.
Meine Eltern kommen aus Spanien. Sie haben ihr ganzes Leben lang gearbeitet. Zuerst in Fabriken, nachdem diese Arbeitsplätze abgebaut wurden, haben Sie ein eigenes Restaurant eröffnet. Das gibt es heute auch nicht mehr.“

Holger
Wünsdorf / Brandenburg / 2016
Einwohnerzahl 2005: 6202

„Mit dem Abzug der sowjetisch-russischen Truppen am Anfang der 1990er Jahre sind viele verlassene Orte zurückgeblieben. Wo einst Abertausende Menschen stationiert waren und lebten, ist plötzlich niemand mehr. Wenn solche Orte nicht saniert und weiter genutzt werden können, verfallen sie weiter. Die Natur holt sich diese Geisterstädte zurück.
Ich mache mit „Berlins Taiga“ Führungen an solchen Orten.“

Bänker und Bauer
Umland Brüssel / Belgien / 2016

„Weil die Arbeit in den Banken immer verrückter wird, züchte ich jetzt nur noch Schafe, und bewirtschafte meinen Hof.“
Der Hof nebenan ist seit 20 Jahren verlassen. Die Kinder der verstorbenen leben in Amerika und interessieren sich nicht für Ihr Erbe.

Kathrin
Klausdorf / Brandenburg / 2017

„Ich bin im Jahr 1999 vom Spreewald nach Schöneiche bei Zossen gezogen. Seit einigen Jahren arbeite ich in der Bäckerei „Lehmann“ in Klausdorf. Wir halten hier durch.
Hier gab‘s ja viele Russen. Einige Offiziersfamilien sind ja hier geblieben. Da hab ich einiges zu erzählen.“

Jerron, Assa und Freunde
Venedig / Italien / 2017

Jerron, Assan und ihre Freunde haben ein leerstehendes Haus in Venedig besetzt. Sie kommen aus dem Senegal.
Vor 4 Jahren wurde das Flüchtlingsheim der Stadt geschlossen. Seit dem sind Sie hier, und versuchen Sie sich ein Leben aufzubauen.

Bobo und Freund
Buzludzha / Bulgarien / 2017

Bobo und sein Freund wohnen nicht weit weg von einer Ruine der kommunistischen Partei Bulgarien. Jeder in dieser Region kennt das Gebäude. Sie kommen oft hier her, um von dem Turm aus in die Ferne zu schauen.
„Es wäre schön, wenn hier wieder etwas los ist.“
Ihre Zukunft in Bulgarien ist sehr ungewiss. Viele aus Ihrer Generation werden auf Jobsuche nach Westeuropa gehen.